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"Die Seele kommt zu kurz"
Gerda Gabriel setzt angesichts der Flüchtigkeit des Alltags auf die Kreativität

Bietigheimer Zeitung vom 28.05.2009

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Vor zehn Jahren hat Gerda Gabriel ihre Galerie und Kunstwerkstatt im Pleidelsheimer Industriegebiet eröffnet. Neben Ausstellungen und Workshops für Erwachsene bietet sie auch Kunstkurse für Kinder an.

Pleidelsheim - Viele Eltern halten ihre Kinder dazu an, ein Musikinstrument zu spielen. Durch das Musizieren, so haben Wissenschaftler herausgefunden, wird die Koordination verbessert und das Denken gefördert. Beides sind Eigenschaften, die sich auch in der Schule und im Beruf positiv auswirken.

Beim Umgang mit Farben, Pinseln, Ton oder Pappmaché ist der positive Effekt dagegen nicht so messbar. Dabei, so die Erfahrung der Malerin und Kunsttherapeutin Gerda Gabriel, "stärkt das schöpferische Tun die seelische Entwicklung". Und das, so die Pleidelsheimerin weiter, tue Not in einer Zeit, in denen die Kinder bereits als Babys "massiv Hektik, Lärm, Lichtreizen und Stress ausgesetzt sind und ihnen schon früh Entscheidungen abverlangt werden". Kommt hinzu ein verstärkter Medienkonsum: Das alles, so Gabriel, überfordere die Kinder, während sie anderseits unterfordert seien und im Alltag selbst einfache Dinge nicht auf die Reihe bekämen. Vor allem bei Jungen im Grundschulalter hat sie beobachtet, dass sie sich in ihrer Fantasie ungeheuer viel zutrauen und sich beispielsweise als große Erfinder sehen, in der Realität jedoch schon an einfachen Projekten und Konstruktionen scheitern.

Hier liegt ein unentwickeltes Potential, ist Gabriel überzeugt, das in der Schule mit seinem Bewertungs- und Benotungssystem nicht gefördert werden könne. Denn dort gehe es vorrangig um die Anwendung, nicht jedoch um die Entwicklung. Selbst im Kunstunterricht zähle vor allem das Ergebnis wie etwa das fertige Bild, nicht jedoch der Weg dahin.

Gerade dieser Weg jedoch bringe die Kinder in Kontakt mit ihren Sinnen und stärke dadurch ihre Seele. Wer etwa einen Baum malen möchte, muss erst einmal schauen, wie die Rinde aussieht, wie die Zweige aus dem Stamm wachsen und wie die Blätter angeordnet sind. Dieses genaue Schauen und Einfühlen sei umso wichtiger, je flüchtiger und oberflächlicher das Leben sei. Wer malt, begreift nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst, ist das Gründungsmitglied der Kunstinitiative Pleidelsheim überzeugt.

Während Kinder bis zum Alter von etwa sechs Jahren guten Zugang zu ihrer Kreativität hätten, verlöre sich diese anschließend, wenn sie nicht gefördert werde. "Der Keim ist da, aber er muss geschult werden", meint Gabriel, wobei sie mit Schulen das aktive Tun meint, das "Herausholen des Künstlers", der in jedem Menschen steckt, wie seit Josef Beuys so ziemlich jeder weiß. Dieses Herausholen unterstützt nicht nur die seelische Entwicklung, sondern stärkt auch das Selbstbewusstsein: Wenn ein Kind mit Hilfe von gemalten Bildern Erlebtes verarbeitet, lernt es Entspannung kennen, es fühlt, wie sich Konzentration positiv auf das körperliche Befinden auswirkt und erfährt, dass sich Anstrengung lohnt. Durch diese Erfolge wird es "von innen heraus gestärkt" - und kann dadurch die Anforderungen der Gegenwart besser aushalten, so die Galeristin.

Durch die Kinderkunstwochen, die Gerda Gabriel regelmäßig mit ihrer Schwester Andrea Thinschmidt veranstaltet, kommt sie mit vielen Kindern aus verschiedenen Schulen, Elternhäusern und Orten in Kontakt. Immer wieder erstaunt es sie, wie sehr deren Selbstbewusstsein wächst, wenn es ihnen gelingt, Gefühle, Gedanken und Fantasien in die Tat, sprich, ins Bild oder in eine Skulptur umzusetzen. "Dadurch kommen Geist und Seele zusammen, das stärkt die Lebenssicherheit", schließt Gabriel ihr leidenschaftliches Plädoyer für das Malen, Formen und Basteln.

Redaktion: Ulla Zintzen

 

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